Was den Winterwald so besonders macht
Schnee schluckt Geräusche. Im verschneiten Wald hörst du oft nur deine eigenen Schritte. Die Bäume tragen weiße Hauben, und in den Hochlagen der Mittelgebirge verwandeln sie sich manchmal in bizarre Eisgebilde. Dahinter steckt ein besonderes Wetterphänomen: Raureif.
Wie Raureif entsteht
Raureif bildet sich laut Wikipedia aus unterkühlten Wassertröpfchen leichter Nebel oder direkt aus dem Wasserdampf der Luft. Dafür braucht es eine relative Luftfeuchte von über 90 Prozent, Temperaturen unter minus 8 Grad und etwas Wind. Es entstehen nadelförmige Eiskristalle, die zu großen, bizarren Formen wachsen können.
Typisch: Raureif wächst gegen den Wind, weil die Luft auf der Luvseite feuchter ist. Hält das Wetter an, entstehen Eisfahnen von mehr als fünf Zentimetern Länge. Deshalb sehen Bäume auf Gipfeln wie dem Lusen oder dem Hirschenstein im Bayerischen Wald im Winter oft aus, als hätte jemand sie von einer Seite weiß angemalt.
Wenn Äste brechen
Das Gewicht von Eis und Schnee kann Äste und ganze Kronen abbrechen. Forstleute unterscheiden laut Wikipedia drei Formen: Schneebruch durch schweren, nassen Schnee, Duftbruch durch Raureif und Eisbruch durch gefrierenden Regen. Besonders gefährdet sind Wälder in mittleren und höheren Berglagen und in windstillen Tälern, wo sich der Schnee ungestört auf den Ästen sammeln kann.
Nadelbäume trifft es dabei häufiger als Laubbäume: Sie tragen auch im Winter ihr Nadelkleid und bieten dem Schnee deshalb viel mehr Fläche. Laubbäume stehen kahl da, auf ihren Ästen bleibt weniger liegen.
Für Wanderer heißt das: Bei starkem Eisbehang, nassem Neuschnee oder Sturm lieber nicht unter alten Bäumen rasten, und gesperrte Wege respektieren. Förster sperren Wälder bei akuter Gefahr vorsorglich. Wichtig: Laut Wikipedia können Äste und Bäume auch noch lange nach dem eigentlichen Wetterereignis ohne Vorwarnung herunterbrechen – ein Wald, der nach Tauwetter friedlich aussieht, ist nicht automatisch sicher.
Winterschlaf, Winterruhe, Kältestarre
Tiere haben unterschiedliche Strategien, um durch den Winter zu kommen. Echte Winterschläfer senken Stoffwechsel und Körpertemperatur stark ab. Beim Alpenmurmeltier fällt der Herzschlag laut Wikipedia von rund 100 auf zwei bis drei Schläge pro Minute, die Körpertemperatur von 39 auf etwa 7 Grad. Der Igel schläft drei bis vier Monate, der Siebenschläfer sogar sechs bis sieben. Auch Fledermäuse halten Winterschlaf – werden sie dabei gewaltsam gestört, kann das für sie tödlich sein.
Das Eichhörnchen dagegen hält keinen Winterschlaf: Es bleibt aktiv und lebt von den Vorräten, die es im Herbst versteckt hat. Wechselwarme Tiere wie Frösche oder Eidechsen fallen in Kältestarre, weil sie ihre Körpertemperatur nicht selbst regeln können. Für alle gilt: Jede Störung kostet Fettreserven, die im Frühjahr fehlen.
Wie Tiere den Winter überstehen
Im Winter ist Nahrung knapp und Kälte kostet Energie. Viele Wildtiere fahren deshalb ihren Stoffwechsel herunter und bewegen sich so wenig wie möglich. Wird ein Reh oder Hirsch aufgeschreckt, muss es fliehen – jede Flucht kostet Kraft, die es kaum ersetzen kann. Laut Deutschem Jagdverband rechnen die Tiere abseits markierter Wege nicht mit Menschen. Bleib deshalb im Winterwald auf den Wegen und nimm Hunde an die Leine.
In Schutzgebieten gelten oft feste Regeln. Im Kerngebiet des Nationalparks Bayerischer Wald etwa dürfen markierte Wege von Mitte November bis Mitte Juli nicht verlassen werden, vor allem zum Schutz des Auerhuhns.
Wo du Winterwälder findest
- Bayerischer Wald: Am Lusen-Gipfel im Nationalpark bildet sich häufig dicker Raureif auf Bäumen und Sträuchern. Mehr dazu auf unserer Seite zum Nationalpark Bayerischer Wald.
- Harz: Der Brocken ist im Schnitt an 178 Tagen im Jahr verschneit; die Brockenbahn fährt ganzjährig hinauf.
- Erzgebirge: rund um den 1.215 Meter hohen Fichtelberg.
- Schwarzwald: am Feldberg, dem mit 1.493 Metern höchsten Berg des Schwarzwalds.
Am Lusen: Raureif über dem Blockmeer
Der Lusen ist mit 1.373 Metern laut Wikipedia der fünfthöchste Berg des Bayerischen Waldes. Sein Gipfel ist kein Wald, sondern ein Blockmeer aus Granitblöcken, die in der Eiszeit durch Frostverwitterung entstanden sind; das Bayerische Landesamt für Umwelt führt es als besonders wertvolles Geotop. Hinauf führen von Waldhäuser ein Sommer- und ein eigener Winterweg, rund 30 Meter unter dem Gipfel steht das 1938 gebaute Lusenschutzhaus. Im Winter sind die Fichten an den oberen Hängen oft dick mit Raureif überzogen, während die Blöcke darüber unter Schnee verschwinden. Der letzte Anstieg ist steil – bei Eis geht es nur mit Grödeln.
Am Brocken: Wald im Nebel
Kaum ein Ort in Deutschland ist so oft in Wolken wie der Brocken: Laut Wikipedia herrscht dort an durchschnittlich 306 Tagen im Jahr Nebel. Für den Winterwald hat das einen Vorteil – wo Nebel und Frost zusammentreffen, wächst Raureif. Die Fichtenwälder an den Hängen sind dann oft schon weiß, bevor überhaupt Schnee gefallen ist. Wer bequem hinauf will, nimmt die Brockenbahn, die ganzjährig fährt.
Am Feldberg: Hochlagen im Schwarzwald
Rund um den Feldberg liegt mit Feldberg-Ort auf 1.277 Metern laut Wikipedia die höchstgelegene Ortschaft Deutschlands. Im Haus der Natur sitzt das Naturschutzzentrum Südschwarzwald, das auch über die Winterwanderwege informiert. Unterhalb des Gipfels liegt der Feldsee, ein eiszeitlicher Karsee, umgeben von Bergwald – im Winter ein besonders stiller Ort.
Spuren im Schnee lesen
Neuschnee ist wie ein offenes Buch: Er zeigt, wer vor dir unterwegs war. Rehe und Hirsche hinterlassen paarige Schalen-Abdrücke, Hasen die typische Gruppe aus zwei kleinen und zwei großen Abdrücken, weil die Hinterläufe beim Hoppeln vor den Vorderläufen landen. Fuchsspuren laufen oft auffallend gerade, Pfote vor Pfote. Unter Nadelbäumen findest du manchmal zerlegte Zapfen – ein Hinweis auf Eichhörnchen. Am besten lesen sich Spuren am Morgen nach einer Nacht mit leichtem Neuschnee, bevor Sonne und Wind die Ränder verwischen.
Wenn du Spuren folgst, dann nur auf dem Weg. Die Tiere, die sie hinterlassen haben, sind oft nicht weit – und genau dort sollen sie ihre Ruhe haben.
Tipps für einen Ausflug in den Winterwald
- Früh losgehen: Am Vormittag ist der Raureif oft am schönsten, bevor Sonne und Wind ihn abtragen.
- Warm anziehen: Im Wald bist du windgeschützt, aber die Kälte kriecht bei Pausen schnell durch.
- Ruhig bleiben: Mit etwas Glück siehst du Spuren im Schnee – und ab und zu ihre Verursacher.
- Kamera warm halten: Kälte leert Akkus schnell. Ersatzakku und Handy nah am Körper tragen.
- Nach Sturm und Eisregen: lieber einen Tag warten und Forstsperrungen beachten.



